Ich liebe Rituale – in der Regel.

Noch nie gehörte ich zu den Menschen, die wieder und wieder auf Snooze drücken, schnell duschen, irgendwas überschmeißen, mit nassen Haaren das Haus verlassen und das Frühstücksbrot im Bus essen. Nein. Ich bin schon immer 2 – 3 Stunden vor Verlassen der Wohnung aufgestanden. Einfach weil ich es genieße, morgens Zeit zu haben. Joggen (äh... nicht immer – klar), in Ruhe duschen, Frühstück vorbereiten, etwas lesen, meine Fingernägel frisch lackieren... aber auch Dinge wie bügeln, ein wenig aufräumen oder das Bett frisch beziehen sind durchaus Sachen, die ich vor der Arbeit erledige.

Ich bin also schon immer ein Frühaufsteher, der schon vor dem Weg zur Arbeit dies und das erledigt. Aber erst während meiner Yogaausbildung habe ich etwas von Morgenroutinen gehört. Ah... vor der Kaphazeit aufstehen ist wichtig, Zunge schaben, Öl ziehen, meditieren, Sonnengrüße und die heiße Zitrone nicht vergessen. Oder ist Apfelessig besser und lieber noch ein Tagebuch oder wenigstens eine Dankbarkeitsliste schreiben? Ziele festlegen, singen, tanzen... und was ist mit Pranayama?

Wenn man „Morgenroutine“ googelt gibt es so viele Vorschläge und fragst Du 10 Menschen nach ihren Ritualen am Morgen gibt es 10 schlaue Antworten.

Als frische Yogalehrerin wollte ich am Anfang natürlich alles richtig machen und überhaupt alles umsetzen. Denn was wäre ich denn für ein Vorbild, wenn ich keine Nasendusche durchführen würde? Und ein Morgen ohne Nauli ist doch kein Yoga-Morgen, oder?! Also habe ich brav versucht, alles umzusetzen.

Ihr könnt Euch vorstellen, wie erfolgreich ich damit war, oder?!

Nachdem ich Google und viele schlaue Menschen ignoriert und für mich eine realistische Yoga-Routine gefunden habe, die zu meinem persönlichen Bessima-Morgenablauf passt (siehe oben :) ), sieht mein Tagesbeginn jetzt – in der Regel – wie folgt aus: mein Wecker klingelt, ich schabe meine Zunge, ziehe Öl, während ich Wasser für die heiße Zitrone koche. Dann meditiere ich, übe noch ein wenig Yoga und danach kommt der Rest. „Der Rest“ ist evtl. Laufen gehen, evtl. länger Yoga üben und auch Pranayama. Aber manchmal auch einfach gleich duschen, mein Frühstück vorbereiten und dann noch einen entspannten Kaffee oder Matchatee trinken.

In der Regel.

 
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Denn ich bin überzeugt davon, dass diese ganzen Rituale, Routinen und tollen Vorhaben eines auf keinen Fall sein sollten: ein weiterer To-do-Punkt auf Deiner sicher eh schon langen Liste für den Tag. Und als ich das erst mal für mich realisiert habe, konnte ich loslassen und mache es wie vor meiner Yogaausbildung: ohne Zwang. Ich genieße nach wie vor die Zeit für mich und kann mir einen Morgen ohne Meditation und warmer Zitrone gar nicht mehr vorstellen. Aber die Nasendusche habe ich wieder abgeschafft. Ich habe weder Allergien noch Probleme mit meiner Nase, und auch wenn es sicher für viele Menschen viele Vorteile bietet: ich lass das mal. Und wenn es mich an gewissen Tagen glücklicher macht, die Yogapraxis wegzulassen und mich nach der Meditation einfach nochmal ins Bett zu kuscheln, dann mache ich genau das. Mir doch egal, was die Lehrbücher dazu sagen.

Das Drama beginnt in der Regel auf Reisen.

 
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Während es mir ganz gut gelingt, die meisten meiner Morgenrituale täglich einzuhalten, ist das wirklich große Problem für mich das Reisen. Natürlich nicht das Reisen an sich –aber Rituale und Reisen,  das ist für mich nach wie vor eine Herausforderung. Vielleicht bin ich auch ein wenig verwöhnt von meinen Morgen zuhause. Denn da ich weder Partner noch Kinder habe und meinen Start in den Tag entspannt allein verbringe, lacht niemand, wenn ich 10 Minuten Öl ziehend durch die Wohnung hüpfe. Niemand stört beim Meditieren oder möchte schon frühstücken, während ich noch die Sonne grüße.

Aber sobald ich versuche, meine Rituale mit zu meinen Eltern zu nehmen, bei Freunden beizubehalten oder aber im Urlaub umzusetzen, versage ich in fast allen Punkten. Die Zunge ist schnell geschabt... aber Kokosöl hab ich nicht eingepackt und das Olivenöl meines Vaters möchte ich nicht nehmen. Und versuch mal, Dein Patenkind zu überzeugen, in der Frühe zu meditieren, statt mit Dir Memory zu spielen. Auf dem Hotelzimmer liegt in den seltensten Fällen eine Zitrone rum und bei der Oma nach Haferschleim (so nennt sie Porridge) zu fragen, wenn es Brötchen mit Marmelade gibt, ist auch zwecklos.

 
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Nun könnte ich anfangen, mich selbst unter Druck zu setzen, mit schlechter Energie in den Tag starten und versuchen, mein ganzes Umfeld von meinen Ritualen zu überzeugen. Schließlich ist meine Art den Tag einzustimmen doch wirklich sinnvoll – in der Regel.

Stattdessen habe ich auch hier gelernt, mich zu entspannen (dieses Meditieren – ich sag’s Euch :). Wenn es mir so wichtig wäre, würde ich auch auf Reisen meinen Wecker auf 5 Uhr stellen – aber ich genieße Morgen ohne Wecker eben auch. Und wenn ich ehrlich bin, macht es mich bei meinen Lieben auch glücklich, einfach mal zu spielen, statt zu turnen oder eben statt der Zitrone schwarzen Tee mit Zucker (ja) zu meinem arabischen Frühstück zu trinken. Das ist nämlich auch ein Ritual.

Wenn Du also versuchst, die perfekten Morgenrituale für Dich zu finden, denke daran, entspannt zu bleiben und die Dinge zu ritualisieren, die Dir gut tun – und das dann mindestens drei Wochen durchzuhalten. Denn Google sagt, so lange dauert es, bis man eine Routine entwickelt hat – in der Regel... :)

Source: BeeAthletica

Bessima AghaComment